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Bleib wie Du bist

Das neue Jahr 2016 hat gerade begonnen, und ich finde, das ist der ideale Zeitpunkt für meinen Post gegen den Optimierungswahn. Es gibt ja nichts, was man nicht verbessern könnte – jeder kennt vermutlich dieses kleine, fiese Stimmchen im Kopf, welches einem zuflüstert: „Zumindest doch ein klein wenig besser könnte es werden“: Die obligatorischen 5 Kilo sollen runter, besser wären allerdings 8, im Job muß eine Beförderung her oder der ganz neue Job, der Partner wird auf den Prüfstand gestellt oder es wird als Single dringend Zeit für überhaupt ein Partner (jetztgleichsofort!), notfalls herbei gegoogelt oder online bestellt! Mehr Geld, mehr Klamotten, besserer Stil, ganz viel Sport, wieso fährt der Nachbar jetzt das größere neuere Auto und ich nicht, warum mache ich eigentlich nicht den tollen Urlaub oder am besten gleich das Sabbatical auf Goa, was die Kollegin gerade wahr nimmt? Dringend muß auch der Facebookauftritt besser werden, die Freunde sind alle so aktiv, nur ich nicht.

Irgendwie esse ich ja auch völlig verkehrt, nicht nach Paleo, nicht vegan, nicht ohne Butter oder Laktosefrei, vermutlich auch nicht vollwertig. Mindestens aber vegetarisch! Soll ich aber, oder nicht? Ist doch in der heutigen Zeit selbstverständlich, immer das Beste für sich rauszuholen! Höher, schneller, weiter. Gefangen in der Angst, man wäre nicht gut genug, nicht strebsam, nicht fleißig, man „hält nichts durch“.

Was wäre, wenn jemand bemerkt, daß ich zufrieden mit mir bin? Es ist überhaupt nicht „in“, zufrieden und glücklich zu sein mit dem was man hat. Um überhaupt in die Nähe von Glück und Zufriedenheit zu kommen, muß man laut Medien, einer gigantischen Wirtschafts- und Marketingmaschinerie oder auch gerne auf Rat der besten „Freundin“ zumindest zum Yoga (natürlich mit der individuell gestalteten Yogamatte und den passenden Klamotten), zum Persönlichkeits-Coach Deiner Wahl (95 Euro die Stunde) oder ins Kloster zum Schweigeseminar. Wie, wenn nicht so, soll das Glück überhaupt zu Dir kommen? Wenigstens Triathlon muß es sein, damit der „Flow“ bei Dir überhaupt den Hauch einer Chance hat.

Was wäre, wenn jemand bemerkt, das ich nicht jedem Trend hinterher jagen mag, das ich Kuchen mit dem dazu passenden Milchkaffee liebe und Sport nur dann mache, wenn ich Lust dazu habe? Wenn ich lieber auf dem Sofa liege und ein gutes Buch lese, anstelle zu drei Volkshochschulkursen in der Woche zu jagen: 1. Afrikanischer Trommelworkshop 2. Finnisch für Anfänger 3. So gelingt das Fünf-Gänge-Menü mit Anleitung für die stimmungsvolle Tischdekoration. Oder ganz gewagt: Ich liege auf dem Sofa und tue: Nichts. Das ist ganz schlimm, das darf gar keiner wissen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und wer da nicht mitmacht, gehört zu den Verlierern, gilt als faul und langweilig.  Flow auf dem Sofa? Das geht ja gar nicht. Also machen wir es heimlich. Die Jogginghose anziehen, die verbotene Sahnetorte auf den Teller (mit echter, fettiger Sahne), einen Kaffee dazu…gemütlich in diesen naßkalten Tagen aufs Sofa, die Lieblingsmusik an… Und dann haben wir ein schlechtes Gewissen. Auch weil wir nur die „Bunte“ angeschaut haben anstelle des gerade aktuell angesagten Bestsellers, bei dem ein Satz über fünf Zeilen geht. Wir wollten doch weniger Zucker und Fett zu uns nehmen, mehr Sport machen, uns schicker kleiden und schon gar nicht müßig auf dem Sofa rum hängen. Genuß ist gestrichen! Wieder keine 20km mit dem Rennrad zurückgelegt – verdammt!

Blubb, da zerplatzt die Seifenblase der Entspannung und Zufriedenheit, gescheitert an den hohen Erwartungen und Zielen, die wir uns gesetzt haben und die wir schon am 3. Januar nicht mehr eingehalten haben. Du fühlst Dich schlecht, Du hast wieder versagt. Wie die vielen Male zuvor auch schon.

Die gute Nachricht ist: Es geht auch anders. Wie denn, werdet Ihr wissen wollen. Ich werde jetzt mal das „Erste-Etage-Links Stoppschild“ hochhalten. Stop. Nicht mehr mit mir. Ich mache da einfach nicht mehr mit. Es reicht mit dem ständigen Selbstoptimieren, dem „Immer-mehr-haben-Wollen“ und dem „Ständig-mehr-Müssen“.

Es ist ganz einfach. Alles kann, nichts muß. Ja, das habt Ihr schon hundertmal gehört und gelesen, wie soll das denn gehen im Alltagswahn bei der dauermedialen Optimierungs-Beschallung? Und überhaupt, was denken denn die Anderen, wenn ich nicht innerhalb von drei Sekunden auf Whatsapp antworte und gleichzeitig den gefrosteten Brombeer-Schoko-Vanille Kuchen für den Kindergarten fertig habe? Außerdem fängt um 19.00 Uhr die Weight Watchers Gruppe an, da will ich Gold-Mitglied werden. Bügeln, Waschen, Putzen, Kochen, Arbeiten, Teenager-Wahnsinn ertragen, Schulbescheinigungen unterschreiben, 3-Euro für die Fischkasse in der Kita, Bastelnachmittag, Vorlesen im Seniorenheim, ach ja, Yoga, Kamasutra und Schönheitssalon, Training im Fitness-Studio, Shoppingwahn und Familienfrust, das Auto streikt und der PC hat einen Virus, die Schwiegermutter mit Demenz oder ein Partner, der einen schon lange nicht mehr wahrnimmt…wie bitte soll ich da nach dem Motto „Alles kann, aber nichts muß“ leben?

Um es mal mit einem geflügeltem Wort zu sagen: „Wir schaffen das.“ Hierfür gebe ich Euch eine kleine „Du darfst“ Liste an die Hand (nicht verwandt mit der gleichnamigen Margarine). Ganz bewußt keine To-do Liste nach dem Motto: Du mußt. Los gehts!

  1. Ich darf essen was ich will
  2. Ich darf analog leben
  3. Ich darf nein sagen
  4. Ich darf mich mögen
  5. Ich darf keine Lust haben
  6. Ich darf träumen
  7. Ich darf anders sein
  8. Ich darf leben wie ich will
  9. Ich darf Fehler machen
  10. Ich darf erfolgreich sein
  11. Ich darf mich selbst verwirklichen

Da sind ein paar tolle Möglichkeiten dabei, wie ich finde. Ein „Ich-kann-doch“ und ein „Ich-muß ja-gar-nicht“ klingt durch, zusammen mit viel positiver Energie und einem befreiten „Es geht auch anders“ Gefühl. Seid Ihr dabei? Dann werde ich in den nächsten Posts mal ins Detail gehen…

Einen entspannten, trägen, wunderbar faulen Sonntag wünscht Euch

Claudia

 

 

 

 

 

 

 

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