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Digital Diät

Mein Ausstieg aus Social Media

Das neue Jahr 2018 hat kaum richtig begonnen, und schon bin ich auf Diät. Diesmal schaffe ich es, habe ich mir vorgenommen. Und ich werde es durchhalten. Dabei ist das ja so eine Sache mit den guten Vorsätzen. Jedes Jahr zum Jahresende nehmen wir uns vor: Im nächsten Jahr wird alles anders. Wir wollen weniger essen, mehr Sport machen, nachhaltiger leben (öhm – das wäre ja wirklich eine Idee!), das Rauchen aufgeben, öfter Tante Lotti anrufen…die Liste der phantasievollen Vorsätze fürs neue Jahr ist lang. Oft halten wir es nicht mal zwei Wochen durch, und dann lockt entweder die Sahnetorte oder das Sofa – wir haben es wieder nicht geschafft.

Meist liegt es daran, das wir alles auf einmal wollen, und das sofort. Es muss gleich klappen mit der Gewichtsabnahme, und wir schaffen sofort 10 km im Dauerlauf. Im Zeitalter der Optimierung sollte das ja mit unserer Disziplin ein Klacks sein. Ist es aber nicht. Es ist aus der Mode gekommen, kleine Schritte zu machen. Wer macht denn heute noch den 5 km Volkslauf? Es muß doch gleich der Marathon sein. Wir wollen doch mithalten mit den Freundinnen. Sonst können wir kein gescheites Instagram Foto posten. Zum Sport tragen wir auch keine Laufhose von Tschibo, es muß mindestens der springende Puma auf der Hose drauf sein – sonst klappt das mit den Tags nicht. Noch schnell ein paar Filter, und schon sehen wir aus wie der Marathon Profi schlechthin. Die Anderen sollen doch mal sehen, was ich so drauf habe!

Wir vergleichen uns. Wir fangen an, uns schlecht zu fühlen. Weil wir nicht im Urlaub sind, weil wir kein fotogenes Essen gekocht haben und weil es in unserem Wohnzimmer nicht hygge aussieht. Ich mag nicht mehr in die ewig glattgebügelten Gesichter und Körper der Instagramwelt schauen. Und ich will auch nicht wissen, wer gerade wo mit wem ist und was er oder sie konsumiert, wer welche Veranstaltung besucht und wer sich mit wem befreundet hat.

Die perfekte digitale Welt

In diesem Moment bin ich auf kaltem Entzug. Ich kann meine Freunde nicht mehr sehen, wie sie beim Hamburg Marathon durchs Ziel laufen werden. Auch bin ich nicht informiert, wer jetzt gerade wo Urlaub macht. Mir fehlt die Kenntnis, welche Freundin gerade beim Griechen ein Essen postet, dass sie gerade in dieser Minute ißt. Ich sehe es nicht. Denn ich habe meinen Facebook Account gelöscht. Ebenso meinen Instagram Account sowie den Twitter Account. Schon länger habe ich mir darüber Gedanken gemacht, ob es sinnvoll ist, all diese Kanäle zu nutzen und als Blogger zu bespielen. Ich habe sie genutzt, und ich hatte Spaß dabei. Jetzt habe ich keinen Spaß mehr dabei. Und ich frage mich, warum immer alle auf jeden Zug aufspringen müssen. Die Jagd nach immer mehr Reichweite und möglichst vielen Followern hat ungeahnte Formen angenommen. Wieviel Likes bringt mein nächstes Foto, mein nächster Post? Wie, Du bis noch nicht auf Snapchat? Ab wann kann ich eine Kooperation mit einer tollen Firma generieren? Noch schnell eine Story auf Instagram posten!

Als ich anfing zu bloggen, ging es noch um Inhalte, weniger um Bilder. So nach und nach hat sich das gewandelt, das Social Media Karussell begann sich zu drehen, und es dreht sich immer schneller. Immer tollere Fotos sollen es sein, einzigartige Texte sind gefragt, und das in immer kürzeren Abständen. Die perfekte digitale Welt. Die Follower sind gierig. Und wir werden immer abhängiger. Wir bezahlen mit unserer Lebenszeit und mit unseren Daten. Wer immer noch glaubt, das Instagram nur eine App ist, um schöne Fotos zu posten und wer auch jetzt noch der Ansicht ist, Facebook sei die einzige Möglichkeit, mit seinen „Freunden“ in Kontakt zu bleiben, dem sei als Einstiegslektüre „Der Circle“ von Dave Eggers empfohlen.

Social Credit System in China

In China wird gerade mit Hochdruck an einem Social Credit System gearbeitet. Das jagt mir eine Gänsehaut über den Körper. Wie weit sind wir davon noch entfernt? Vermutlich ein Wimpernschlag – mit unserem Social Media Verhalten tragen wir maßgeblich dazu bei, die großen Datenkraken zu füttern.

Ich wollte aussteigen aus dem Karussell. Doch sollte ich das wirklich tun? Ich war relativ lange bei Facebook und fand das einfach praktisch. Auch Instagram hatte mir zunächst Spaß gemacht. Darum geht es ja auch, Social Media soll den Usern Spaß machen, damit sie es benutzen. Sonst macht es ja keiner! Die lästige Werbung ignoriert man. Oder eben auch nicht. Mich hat es zunehmend gestört. Ich wollte nicht länger ungefragt Empfehlungen erhalten. Und wieviel Zeit mich das gekostet hat! Mal ehrlich, wie oft schaut Ihr auf Euer Handy, guckt bei Instagram, geht auf Facebook? Und was ist der wirkliche, echte Nutzen für mich dabei? Zudem viele Blogger dieselben Fotos und teilweise auch identische Inhalte eines Beitrages auf mehreren sozialen Kanälen teilen – einfach als Zeitersparnis und eben um Reichweite zu generieren. Wer kann es sich denn noch leisten, alle Kanäle unterschiedlich zu bespielen?

Inzwischen werden viele Blogs professionell von Agenturen betreut oder unterstützt – das Märchen von der Multitasking-Bloggerin, die selber dreimal die Woche in Premium-Qualität fotografiert (auch sich selbst:-), die Bilder bearbeitet, Texte in 1a Qualität verfasst, alle Social Media Kanäle individuell bespielt, dazu noch die Familie managt, hält sich hartnäckig.

Wollte ich weiterhin nur auf mich zugeschnittene Inhalte, Bilder und Videos sehen, in meiner Blase bleiben, sanft und doch unerbittlich hingeleitet werden zu den Dingen, die ich sehen soll? Darüber hinwegsehen, das Posts gelöscht werden, die kritische oder politisch unkorrekte Inhalte enthalten? Welche Instanz hat das Recht, dies für mich zu tun? Wollte ich in einer Story auch noch das Making-Of eines Blogbeitrages sehen? Weiterhin lesen, wie „Instas“ ihren Tag verbringen?

Mehr Zeit für das analoge Leben

Und dann habe ich es einfach getan. Einfach ist gut, denn so einfach ist das gar nicht. Da die Netzwerke ungern User verlieren, bieten sie zunächst an, das Konto jeweils zu deaktivieren, damit man es bei Bedarf ganz schnell wieder aktivieren kann. Das wollte ich ja nicht, ich wollte meine Konten dauerhaft löschen. Auf www.chip.de habe ich dann die entsprechenden Links gefunden. Dasselbe Spielchen bei Facebook. Man wird noch ungefähr fünfmal gefragt, ob man das denn wirklich tun will. Ich wollte. Und es hat gar nicht weh getan.

Am nächste Tag habe ich tatsächlich mehrfach nach dem Handy gegriffen, um zu schauen, ob ich Nachrichten bekommen habe oder ob es etwas Neues gibt. Ich konnte es kaum glauben, doch so abhängig gewesen zu sein. Aber es blieb still. Angenehm still. Ich habe dann erst mal drei lange Telefonate mit Freundinnen geführt. Das war super! So wie früher, telefonieren. Nach ein paar Tagen hatte ich mich dran gewöhnt. Und ich habe mehr Zeit. Zeit, die ich vorher in den Netzwerken verbracht habe. Die totale Reizüberflutung ist vorbei.

Ich lese meine Lieblingsblogs wieder im Original. Und zwar dann, wenn ich das möchte. Und nicht, wenn das Handy „Pling“ macht.

Ich habe Weihnachtskarten mit der Hand geschrieben. Auf Papier. Mit Füller.

Ich kann meine Freunde auch ohne Facebook kontaktieren. Ja, das geht. Ich habe einfach angerufen.

Ich surfe neuerdings selbstbestimmt. Toll, welche Perlen man im Netz entdecken kann. Ich hatte vergessen, wie viel Spaß das macht.

Schon höre ich viele Blogger aufschreien: “ Wie willst Du denn mit Deinem Blog bekannt werden, wie wirst Du denn jetzt gefunden, Du bist ja gar nicht mehr vernetzt?“ Na, schauen wir mal. Nach meiner Auffassung setzt sich Qualität immer durch. Zurück auf „Klein aber fein“. So bin ich mit „Erste Etage Links“ gestartet.

Und jetzt rufe ich mal Tante Lotti an.

Alles Liebe,

Claudia

 

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