Leben
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Neulich im Eiscafé

Nachdem ich nun keinen Grund mehr habe, ständig auf mein Smartphone zu starren (warum das so ist, steht hier), muß ich ja wieder die eine oder andere analoge Angewohnheit hervorkramen.  Neulich war ich in Kassel unterwegs und beschloß, mir einen Kaffee zu gönnen. Was haben wir vor dem Smartphone Zeitalter noch mal gemacht, wenn wir irgendwo Kaffee trinken waren? Ach ja richtig, wir haben uns miteinander unterhalten.

Mangels Gesprächspartner erinnerte ich mich an eine andere, sehr nette Beschäftigung: Leute gucken. Ich suchte mir einen Platz mitten in einer Einkaufspassage. Während ich also auf meinen Kaffee wartete, ließ ich den Blick schweifen. Rechts und links von mir flanierten Pärchen, Familien, Mädels im Dreierpack, Senioren gemählichen Schrittes und viele weitere Menschen, die alleine unterwegs waren. Wobei flanieren das falsche Wort ist – einige eilten im Stechschritt an mir vorbei, als ob es den Geschwindigkeitsrekord beim Einkaufen zu brechen galt. Dabei war doch Wochenende! Eine junge Frau im Eiltempo war recht sportlich gekleidet: Vielleicht absolvierte sie eine Trainingseinheit für den nächsten Kassel Marathon? Möglicherweise hatte sie das Training einfach mit dem Einkaufen gekoppelt – spart ja enorm Zeit. Ein Pärchen schlurfte jeweils gebückt am Arm des Partners hängend an mir vorbei – der eine fällt bestimmt einfach um, wenn der andere Partner abrupt den Arm weg zieht. Dabei waren die beiden um die 40. Ob die auch jeder für sich alleine gehen können?

Mein Kaffee kam in Kombination mit einer frischen Waffel mit Vanilleeis, heißen Kirschen und Sahne – hatte ich das bestellt? Muß wohl.

Genußvoll schob ich mir den ersten Löffel Kirsch-Vanille in den Mund. Ah, zur Rechten eine frischgebackene Mami im Bequem-Outfit. Mit leicht hektischem Blick manövrierte sie den Maxi Cosi durch die Menge, die Wickeltasche baumelte am Lenker. Die Handtasche quer umgeschnallt. Hinter ihr schlenderte ihr Partner ohne Gepäck. Nun, einer muß ja auch die Verantwortung tragen.

Links von mir blieb eine wunderbar gekleidete Frau vor dem Schaufenster einer großen Modekette stehen. Die Dame hatte fantastische Rundungen, tolle Locken und trug Stiefel zu einem Wickelkleid. Sie betrachtete die kurvenlose Schaufensterpuppe vor ihr, die schätzungsweise mit Größe 32 ausgestattet war. Vermutlich fragte sich die Dame, wie sie denn in das Sommerfähnchen passen sollte, welches die Püppi trug. Wieso gibt es denn eigentlich keine weiblichen Schaufensterpuppen? Solche mit normalen Maßen? Die deutsche Frau trägt im Durchschnitt eine Gr. 42. Noch immer spiegelt sich das weder in der Modelwelt wider noch im Bewußtsein von Einkäufern, Designern und Verbrauchern. Wir haben uns an die mageren Puppen in den Schaufenstern gewöhnt. War doch schon immer so. Die wenigen Curvy-Models sind noch immer Exoten. Die storchbeinige Realität stöckelt nach wie vor über die Laufstege dieser Welt. Filme wie „Embrace“ von der großartigen Taryn Brumfitt zeigen die erschreckende Wirklichkeit, mit der die Mädels von heute aufwachsen.

Die Frau im Wickelkleid ging weiter.

Ich hatte mich zwischenzeitlich durch das Vanilleeis zur krossen Waffel vorgearbeitet. Äußerst lecker.

Eine türkische Familie schlenderte vorbei. Ein kleines Mädchen schaute mich mit riesigen braunen Augen an. Ich lächelte ihr zu. Sie kicherte, hielt sich die Hand vor den Mund und lief weiter, hinter ihrer Mami her. Gleich dahinter kam eine Familie, in der alle Familienmitglieder den gleich, zweifarbigen Kurzhaarschnitt hatten. Unten anrasiert und rot, oben länger und blond. Nun ja. Geschmäcker sind ja verschieden. Möglicherweise gibt das ja auch einen 80iger Jahre-Rabatt beim Friseur.

Mein Blick fiel auf den Dekoladen etwas weiter vorne. Von Haus aus bin ich ja gerne in Läden mit Schnickes und Gedöns unterwegs und lasse mich inspirieren. Aus besagtem Ladengeschäft einer großen Kette für Dekobedarf war ich aber schnell wieder geflüchtet, weil der neuerdings beduftet ist. Für Leute mit Atembeschwerden ein Träumchen. Neuartige Shopkonzepte bringen mitunter kuriose Ideen hervor. Neulich war ich in einem Laden für Sportbekleidung, da war die Musik so laut, dass man sich nur anschreien konnte. Ich bin dann da leider kein Kunde geworden.

Meine Waffel hatte ich bis auf den letzten Krümel verspeist, ein Klecks Sahne war noch da mit einer letzten Kirsche. Ein letzter Löffel voll Genuß.

Ich winkte dem Ober zu, der sich graziös um die Tische zu mir hin schlängelte. Was für ein schöner, entspannter Nachmittag. Einfach nur mal so da sitzen und Leute gucken.

Wie früher!

Liebe Grüße,

Claudia

 

 

 

 

 

 

 

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