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Frau Amsel brütet

Familie ist ja so eine Sache. Entweder man plant eine (klappt manchmal), oder man heiratet in eine ein (es soll Konstellationen geben, wo das gut geht) oder man ist auf der Suche (Single sein hat auch Vorteile). Irgendwie bringt man ja auch immer Familie mit, schließlich ist die Sache mit Maria Empfängnis umstritten – Mama und Papa hatten sich lieb und dann kam ich. Gelegentlich finden Kinder eine Familie, die vorher keine hatten, und manchmal fühlt man Familie, obwohl man gar nicht verwandt ist.

Und dann gibt es da Frau Amsel. Frau Amsel hat das Projekt Familie strategisch geplant und umgesetzt. Zu meiner Überraschung wurde mein Balkon als Sozialraum auserkoren. Gut, bei mir ist es auf dem Balkon schön grün zur Zeit, es gibt Obstbäumchen, einen Farn und eine fette Henne sowie allerlei Sommerblüher. Ach ja, auch der Ahorn ist noch da. Der ist jetzt so groß, dass er mit der Spitze der Decke ausgewichen ist und jetzt einfach zum Nachbarn weiter nach oben wächst.

Möglicherweise deutete die Amsel: Ein Ahorn – hier ist Wald. Hier kann ich wohnen. Nach einer schwungvollen Punktlandung von Frau Amsel auf dem Geländer wurde die Lokalität mit schräg gestelltem Kopf inspiziert. Sodann wurde der Amselmann herbei zitiert. Na, wer sucht also die Wohngegend/ das Auto/ die Socken aus? Richtig, die Frau!

Frau Amsel hüpfte in diese und in jene Ecke und flog dann zielstrebig in mein Regal neben der Tür zur Kammer. Das dritte Regalbrett von unten wurde für gut befunden. Ist ja auch ein wenig dunkel in Parterre. Der Vorgarten fand anscheinend auch Gefallen in Form einer Aloe, die ich auf dem Regal platziert hatte. Rechts neben der Aloe steht mein skandinavisches Windlicht. DAS war das Objekt der Begierde! Eine perfekte Wohnung für Familie Amsel und 1-5 Kinder. Frei nach der Werbung „meine Frau, mein Balkon, mein Windlicht“ hockte der Amselmann aufgeplustert in der Akazie vor meinem Balkon und pfiff der Konkurrenz vor, das es bei ihm läuft.

Für Frau Amsel begann eine mühsame Zeit. Unermüdlich flog sie vom Balkon ab und kam mit Nistbaumaterial in ihrem Schnabel wieder. Woher wußte sie, dass mein Balkon der richtige ist? Wieso verflog sie sich nicht? Das erinnerte mich an die Helikoptereinsätze in den Alpen, wenn in unwegsamem Gelände gebaut wird und das Baumaterial per Lufttaxi herbeigeschafft werden muß. Der Heli hat ein Navi, die Amsel nicht.

Innerhalb von drei Tagen hatte Frau Amsel ein rundes Designappartment für die ganze Familie gebaut. Innen hübsch mit Lehmwänden (gesundes Raumklima!), aussen exklusiv in moosgrün gehalten. Frau Amsel hat das alleine gebaut. Ganz allein. Ja, Frauen können Architektur!!! Herr Amsel war mit Singen und Aufplustern beschäftigt. Was natürlich auch immens wichtig ist. Einer muß ja den Überblick behalten. Während sich Herr Amsel weiter auf der Akazienallee profilierte, hockte sich Frau Amsel ins Nest und legte fünf türkis-grüne, gesprenkelte Eier.

Die Fräuleins und ich hatten nun ein Problem – da der Balkon von Familie Amsel bewohnt war, stellte sich die Frage: Wie sollten wir in die Kammer kommen, ohne die werdende Mutter samt Nachwuchs zu verschrecken? Ich setzte auf das Prinzip Gewöhnung. Erst ließen wir einfach die Balkontür offen und unterhielten uns drinnen. Dann stellten wir uns in die Balkontür, mißtrauisch beäugt von Frau Amsel, die dick aufgeplustert auf ihren Eier hockte wie auf einem Amselthron. Herr Amsel meckerte uns von seiner Akazie aus an. Aber es half ja nix. Zur Bestechung hatte ich Vogelfutter und Wasser auf den Balkon gestellt, was beide Elternteile gerne annahmen.

Schließlich schlich in mich zur Kammer, worauf Frau Amsel mit empörtem Protestpiepen vom Nest flüchtete. Mein jüngstes Fräulein verdrehte die Augen und meinte: „Siehste, ich hab doch gesagt Du mußt Dich drunter durch schleichen!“. Versuch fehlgeschlagen.

Die nächsten Tage trainierten wir weiter. Ich zeigte mich auf dem Balkon, Frau Amsel guckte, Herr Amsel saß auf seiner Akazie und warf mir wütende Blicke zu. Schließlich wagten wir einen neuen Versuch. Diesmal schlich sich ein Fräulein langsam zur Kammer und duckte sich im Vorübergehen. Dann öffnete sie die Tür, die ja nur zehn Zentimeter vom Nest entfernt ist. Frau Amsel hockte stoisch auf ihrem Thron und rührte sich nicht. Mission geglückt.

Vor ein paar Tagen saß ich auf dem Balkon und habe zusammen mit Frau Amsel die Brigitte gelesen. Frau Amsel brütend, ich Kaffee trinkend. Wir sind jetzt ganz eng. Inzwischen kann ich sogar den Gelben Sack oder den Wäscheständer aus der Kammer holen, ohne das der Amselpuls auf 180 steigt.

Vorgestern morgen wurden WIR dann Eltern: Die ersten drei Küken sind geschlüpft. Winzige, fast nackte und irgendwie uralt aussehende Vogelkinder. Heute morgen kamen Nummer vier und Nummer fünf. Es ist so berührend, wie sich die kleinen Wesen im Nest übereinander kuscheln. Jetzt ist auch Herr Amsel im Einsatz. Endlich wieder eine Aufgabe! Männer brauchen Aufgaben. Eifrig schleppt er Raupen und Regenwürmer herbei, ebenso wie Frau Amsel. Alle paar Minuten kann man nun rasante Amselstarts und Nestpunkt-Landungen beobachten. Gänge in die Kammer oder auf den Balkon erledige ich jetzt immer in flotten 20 Sekunden. Ich wußte gar nicht, dass man so schnell Kartoffeln holen, Leergut wegbringen und gleichzeitig die Blumen gießen kann.

Was für eine kleine, bezaubernde Familie. Herzlich willkommen auf dieser Welt!

Liebe Grüße,

Claudia

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