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Warum Corona Dein Leben ändern kann

Warum Corona Dein Leben verändern kann

Gedanken in der Warteschlange – warum ich glaube, das Corona Dein Leben verändern kann. Und warum wir jetzt alle doch irgendwie zusammenrücken. Obwohl wir Abstand halten sollen.

Der Supermarkt ist einer der wenigen Orte, an denen sich Menschen jetzt noch persönlich treffen. Ich stehe an der Kasse an, hinter einer auf den Boden geklebten Markierung, die für Abstand zwischen den Menschen sorgen soll. Meine Nase juckt, aber ich kann mich gerade nicht kratzen: Ich trage einen Mundschutz. Meine Fräuleins meinen, ich sehe aus wie eine Ente. Lieber eine Ente als Corona, denke ich. Unter dem Mundschutz kann ich schlecht atmen. Wie halten denn die Ärzte und Krankenpfleger*innen das den ganzen Tag aus? Ich trage den Mundschutz, weil ich eine Vorerkrankung habe. Meine Hände sind total schwitzig in den Einmalhandschuhe. Keine Ahnung, ob mich das ausreichend schützt. Ich schiebe meinen Einkaufswagen ein Stück weiter. Die Stimmung im Laden ist gedrückt. Normalerweise begrüßen wir uns hier fröhlich, man kennt sich. Heute ist wenig los, die Leute beeilen sich und wollen schnell wieder raus aus dem Laden.

Mein Brille beschlägt. Ich muß an all die Menschen denken, die jetzt alleine zuhause sind und da auch bleiben sollten, wenn sie nicht gerade einkaufen oder zum Arzt müssen. Mit wem sprechen jetzt all die Singles und Rentner? Spazierengehen soll man ja möglichst auch alleine. Ich habe zumindest noch die Fräuleins und den Hund. Der spricht zwar nicht, aber ich bin in Gesellschaft und komme raus aus den vier Wänden. Gestern traf ich im Kleingarten eine Dame mit Hund, die mir von Ferne zurief: „Wenigstens habe ich noch den Hund!“ Wie wahr.

Pragmatismus und eine entspannte Grundhaltung

Was macht das mit uns? Das Fernhalten, das Separieren? Viele Menschen sind verunsichert und ängstlich in diesen Tagen, so etwas habe man noch nie erlebt, erzählen viele. Einige Ältere sind pragmatischer, besonders die, die einen oder zwei Weltkriege erlebt haben. Sie kennen Ausnahmezustände und wissen: die Krise geht vorüber. Aber da wäre noch die Generation „Alles ist möglich“. Die Jungen unter uns, zwischen achtzehn und fünfunddreißig. Auf einmal ist nicht mehr alles möglich. Plötzlich ist vieles nicht mehr erlaubt, was eben noch selbstverständlich war.

An der Kasse geht es langsam voran, die Kassiererin hinter ihrer Plexiglasscheibe nimmt sich Zeit. Eine der Ketten, die an der Scheibe befestigt sind, löst sich immer wieder. Geduldig wird die Kette wieder eingehängt, und weiter geht es.

Eigentlich sollte ich jetzt in der Schule sein und meine Präsentationsprüfung ablegen. Die Prüfung wurde in letzter Minute abgesagt. Ich bin froh darüber, denn der Kontakt mit Dozent*innen und Mitstudierenden wäre ein erhöhtes Risiko für mich gewesen. Zu Beginn der Woche war es zunächst etwas chaotisch, Mails von drei verschiedenen Schulen prasselten auf uns ein. Aber nach einigen Tagen pendelte sich eine Art Routine ein, die Fräuleins sind mit Lernstoff versorgt und die Kommunikationswege haben sich eingespielt. Wir geben jedem Tag eine Struktur – das vermittelt Sicherheit in Zeiten, wo so vieles nicht mehr sicher ist und Manches seltsam skuril anmutet. Einige meiner Freund*innen sind selbstständig – ich mache mir Sorgen, wie es bei ihnen beruflich weitergehen wird.

Ich wundere mich ja, was plötzlich alles so geht. Unterrichtsstoff zuhause erarbeiten? Geht. Klausuren zuhause schreiben und digital abgeben? Geht. Online Probleme jeder Art lösen? Geht auch.

Sich um seine Mitmenschen kümmern? Geht plötzlich auch.

Die Arbeit von medizinischem Personal, Müllwerker*innen, Lieferanten, Busfahrer*innen, Bäckern, Angestellten im Supermarkt, Erzieher*innen und die vielen Menschen, die das Leben am Laufen halten, würdigen – das geht plötzlich auch.

Wie werden wir in Zukunft über Dienstleister denken?

Ich bin sehr gespannt, ob wir es schaffen, diese Würdigung in das Leben nach Corona zu übertragen. Zum Beispiel dürfte sich das gerne niederschlagen in einem anhaltenden Respekt und der Würdigung all dieser Berufsgruppen, die gerne vor Corona als wenig erstrebenswert und wichtig galten. Eine Vergütung, die zum Leben reicht (Altenpflege!) und eine bezahlte Ausbildung (Erzieher*in, Physiotherapeutin!) wären nur zwei Aspekte.

Gemeinsam durch die Krise – dieser Gedanken verbindet Millionen Menschen, und das finde ich bemerkenswert. Was wurde nicht alles behauptet in jüngster Zeit: Die Jugend lebe ihr Leben im Smartphone, keiner schaue nach dem Anderen, die Gewalt nehme zu und jeder sei doch im Grunde sich selbst der Nächste. Dazu eine Welt der Fake-News und das stetige Streben nach Wachstum und Wohlstand für einige Wenige. Meiner Meinung nach ist es auch immer eine Sache der Wahrnehmung. Wie nehme ich Berichterstattung wahr? Fokussiere ich mich auf die Negativ-Schlagzeilen oder lese ich auch die positiven Nachrichten?

Jetzt in der Corona-Krise zeigt sich, dass Menschen sich sehr wohl solidarisch verhalten können. Die Hilfsbereitschaft von allen Seiten und untereinander ist enorm. Spontan gründen sich TV und Radio-Quarantäne Wohnzimmer, aus denen gesendet wird. Nachbarn können sich auf Hausgemeinschaften verlassen, indem Jüngere für Ältere einkaufen. Menschen halten zum großen Teil Abstand voneinander, weil sie sich und andere schützen müssen. Alleine würden wir es nicht schaffen.

Es ist die alte Frage danach, ob das Glas halb voll ist oder halb leer. In den letzten Tagen hatte man viel Gelegenheit, zu erkennen, dass das Glas ziemlich voll ist. Uns eint plötzlich die Angst, was wir verlieren könnten. Und so rücken die Menschen zusammen – virtuell, digital, mit physischem Abstand – aber doch näher zusammen als zuvor.

Inzwischen bin ich in der Kassenschlange nach vorne gerückt. Ein älterer Herr ganz vorne hat den Kaffee nicht gefunden, den er eigentlich wollte. Die Kassiererin steht auf und geht die richtige Sorte holen. Der Herr lächelt und freut sich. Die ganze Kassenschlange freut sich mit.

Endlich haben wir Zeit – für die Familie, zum Nachdenken und zum Entspannen

Wann hatten wir eigentlich das letzte Mal so viel Zeit? Zeit für die Familie? Für ein schönes Frühstück mit Kerzen, Brötchen und Obstsalat? Für ein gutes Buch und einen längeren Spaziergang? Der Alltag in der „ersten Etage links“ sieht so aus: 4.45 Uhr aufstehen, mit dem Hund raus. 5.00 Uhr Frühstück für alle machen, duschen. Bad frei machen für die Fräuleins, Brote schmieren, Sachen packen. Frühstücken. Abräumen. Um 7.00 bis 7.30 Uhr alle aus dem Haus. Schule für alle bis in den Nachmittag. Essen kochen, Fräuleins Hausaufgaben, Lernen. Haushalt (Wäsche, Putzen, Einkaufen). Mit dem Hund raus, Fräuleins zu ihren Sportvereinen fahren. Mama Hausaufgaben und lernen. Tagesschau und Haushalt (Bügeln, Trockner ausräumen, Aufräumen). Dann ist es meistens 22.30 Uhr und ich muß dringend ins Bett, sonst schaffe ich es morgens nicht aus dem Bett. Vorher muß aber der Hund noch mal raus.

Und da wäre noch: Die Steuererklärung machen, den Keller aufräumen, den Vermieter anrufen, weil der Wasserkasten am Klo wieder klemmt, Anträge ans Amt stellen für Klassenfahrten, Elternabende, den Balkon bepflanzen, in den Baumarkt fahren, weil der Holzkleber alle ist und der Stuhl deshalb zusammengebrochen ist, die kaputte Glühbirne im Flur austauschen, die Kisten für den Flohmarkt sortieren, zu dem man am Wochenende angemeldet ist, Geburtstageschenke besorgen, das Kleid zur Schneiderin bringen, Nasenspray aus der Apotheke holen, für Oma Kartoffeln und Eier einkaufen, Politik-Ortsvereinssitzung besuchen, den Garten umgraben und aussähen, 23 x telefonieren um einen Facharzttermin zu bekommen, Klausuren schreiben und für wissenschaftliche Hausarbeiten recherchieren, dem älteren Fräulein den zweiten Weltkrieg erklären, dem jüngeren Fräulein Bismarck (die sind ja noch nicht so weit)…

Erinnere Dich an Deine Träume

Wenn ich mir die Liste so betrachte: Wann habe ich das eigentlich alles so geschafft zwischen durch? Jetzt ist alles anders. Der Lebensrhytmus ist gefühlt langsamer geworden. Und das ist auch eine Chance. Eine Möglichkeit, mal zu überdenken, was das Leben so mit einem macht. Denn trotz aller Zwänge und Aufgaben haben wir doch Gestaltungsmöglichkeiten. Und ich finde die Gelegenheit super, die Gedanken mal frei zu lassen und sich an seine Träume und Wünsche zu erinnern. Was wollten wir als Kind werden? Was möchten wir erreichen? Und was möchten wir auf keinen Fall mehr tun? Von was träumen wir? Ein interessantes Gedankenspiel, das ich jedem empfehlen kann. Es lohnt sich, die Gedanken aufzuschreiben. Wir haben doch jetzt Zeit. Und deshalb kann Corona Dein Leben ändern – wenn Du das willst.

An der Kasse ist ein Stand mit frischen Blumen. Ich packe zwei Sträuße rote Tulpen in meinen Wagen. Einen für mich, den anderen werde ich meiner Mutter vor die Tür legen. Persönlich werde ich ihn nicht überreichen können. Später werde ich sie anrufen und ihr sagen, dass sie mal vor die Tür gucken soll. Dann bin ich an der Reihe und bezahle meine Einkäufe. Die junge Kassiererin hinter der Plexiglasscheibe ist erkältet. Ob es Corona ist, weiß sie nicht. Im Moment ist sie in Sorge, dass sie ab morgen keine Kinderbetreuung für ihren Sohn hat. Ich drücke ihr die Daumen und bedanke mich, dass sie für uns Kunden da ist.

Draußen im Auto zerre ich mir den Mundschutz von der Nase. Zurück bleibt ein Abdruck im Gesicht und ein Eindruck im Kopf: Ich freue mich über die Solidarität und die Empathie unter den Menschen. Gleichzeitig bleibt die Sorge um unsere Gesundheit und die Folgen von Corona. Zuhause werde ich mir einen Tee kochen und meine Gedanken aufschreiben. Wie spät es wohl gerade ist? Ich schaue aus Reflex auf meinen linken Unterarm und stelle fest: Ich habe gar keine Armbanduhr an. Es ist im Moment einfach nicht so wichtig, wie spät es ist. Es gibt keinen Termin, den ich einhalten muß.

Wenn wir es zulassen, kann Corona unser Leben wirklich verändern.

Bleibt gesund und passt auf Euch auf.

Liebe Grüße von Claudia

Informationen zur aktuellen Lage findest Du hier:

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