Im Gespräch mit
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Im Gespräch mit: Gerhard Czerner – Mountainbiker, Guide, Traveller

Wenn es jemanden gibt, der auf dem Moutainbike quasi zuhause ist, dann ist es Gerhard. Für mich gibt es nicht viele Menschen, die das verkörpern, was sie leben: Gerhard ist einer davon. Wir kennen uns aus meiner Zeit in Österreich, uns verbindet die Liebe zum Outdoorsport und zur Natur. Ich bin sehr stolz, dass ich ihn heute mit seiner Leidenschaft vorstellen darf!

EEL: Gerhard, wie bist Du zum Mountainbiken gekommen und was macht den Reiz dabei für Dich aus?

Gerhard Czerner:

Zum Radfahren bin ich schon als Kind gekommen, wie wohl die Meisten. Mir erlaubte das Fahrrad, meinen Aktionsradius vor der Haustüre zu vergrößern. Jeden Tag bin ich stundenlang im Wald damit rumgefahren und hab die Gegend dabei immer neu entdeckt. In meiner Nachbarschaft gab es einige BMX Fahrer. Mit denen bin ich oft rumgezogen und über alles gesprungen was sich angeboten hat. Dann bin ich zum Trial fahren gekommen und die Gegend wurde ein neuer, faszinierender Spielplatz. Praktisch jeden Tag war ich auf dem Bike und bin in manchen Zeiten mehr Höhenmeter gehüpft als gefahren. Noch heute ist es für mich ein Spiel, wenn ich mich auf dem Bike bewege. Darum fahre ich gerne technische Trails, springe im Dirtpark oder gehe noch immer mit meinem Trialbike in den Steinbruch zum Hüpfen. Auch heute noch erweitert das Fahrrad meinen Aktionsradius. Der ist im Vergleich zu früher größer geworden, aber im Prinzip ist es noch sehr ähnlich.

EEL: Du bist mit dem Bike auf der ganzen Welt unterwegs. Wie bereitest Du Dich auf diese Touren vor?

Gerhard Czerner:

Das unterscheidet sich von Tour zu Tour. Wobei die Recherche immer die meiste Zeit in Anspruch nimmt. Da ich oft dort unterwegs bin, wo nicht viele fahren, gibt es auch selten leicht zugängliche Informationen, wenn überhaupt. Wenn es in große Höhen geht, wie zum Beispiel am Kilimandscharo, arbeitet ich zuhause schon Wochen im Voraus mit einem Höhentrainingsgenerator. Dieser ermöglicht es, eine einstellbare Höhe zu simulieren. Der Umgebungsluft wird dabei Sauerstoff entzogen und über ein Schlauchsystem zu einer Atemmaske oder in ein Zelt geblasen. Nachts schlafe ich in einem kleinen Zelt, welches Kopf und Brust überspannt. So gewöhne ich mich zuhause schon an den geringen Sauerstoffgehalt in der Höhe und kann in meiner Wohnung auf 4000 Meter oder auch mehr nächtigen.

EEL: 2017 warst Du ganz oben – mit dem Mountainbike auf dem Gipfel des Kilimandscharo. Das hat vor Dir noch keiner gemacht. Wie kam es dazu?

Gerhard Czerner:

Den Kilimandscharo haben vor mir schon ein paar Leute befahren. Die Ersten waren bereits 1985 mit dem Bike am Gipfel. Also war ich hier nicht der Erste. Was wir, Hans Jörg Rey und ich, jedoch als Erste gemacht haben, die beiden höchsten Berge Afrikas, Mt. Kenya und Kilimandscharo, hintereinander zu befahren. Ich habe vor vielen Jahren einmal den Berg mit dem Fahrrad umrundet. Und seit dem geisterte mir der Gedanke im Kopf, dort mal hinauf zu gehen. Die Idee, das mit dem Fahrrad zu versuchen scheiterte immer daran, dass es kein Permit dafür gab. Über Kontakte und Freunde konnte ich nach etwa zwei Jahren intensiver Versuche, dann eine Genehmigung erhalten und ich hab mich hinter die Organisation der Tour geklemmt. Ein Traum wurde wahr.

EEL: Ich kann mir kaum vorstellen, diesen Weg zu Fuß zu bewältigen. Wie anstrengend muß es mit dem Rad sein? Kannst Du uns einen Einblick in die Strapaze des Herauffahrens geben? Wie fühlt man sich und was macht es mit dem Körper? Konntest Du die Schönheit der Landschaft genießen oder mußtest Du Dich quälen?

Gerhard Czerner:

Hinauf ist nicht viel fahrbar gewesen. (Runter dafür fast alles!) Einen Großteil der Strecke bergauf haben wir geschoben und getragen. Am Gipfeltag hatte jeder von uns mit dem Fahrrad am Rücken so um die 18kg zu tragen. Ein normaler Bergsteiger trägt etwa 6kg. Das merkten wir natürlich und die Gehzeit wurde länger, weil wir mit dem Mehrgewicht langsamer unterwegs waren. Ob es mehr oder weniger beschwerlich ist, hängt letztlich vor allem von der Akklimatisation ab. Diese war in unserem Fall aber gut, da wir zuvor ja schon am Mt.Kenya waren. Also hieß es für uns viel atmen und langsam, aber stetig laufen. Aufgrund der richtigen Tempowahl empfand ich es anstrengend, aber nicht als strapaziös und konnte auch die wirklich einmalige Landschaft am höchsten Punkt von Afrika genießen.

EEL: Kann jeder Mountainbike fahren und was gilt es dabei zu beachten?

Gerhard Czerner:

Jeder der Radfahren kann, kann auch Mountainbiken lernen. Der Sport ist so vielfältig, es gibt eine Menge verschiedener Disziplinen, dass wohl fast jeder seine Spielform finden kann. Achten muss man gerade bei uns in den Alpen darauf, dass wir mit dem Mountainbike nicht überall fahren dürfen. Daher muss man sich über die rechtliche Lage in der entsprechenden Region informieren.

EEL: Welche Ausrüstung ist nötig und wo kann ich mich beraten lassen? Ist es sinnvoll, einen Guide zu buchen?

Gerhard Czerner:

Die Frage nach der Ausrüstung sprengt den Rahmen des Artikels. Ganze Hallen sind bei großen Händlern damit vollgestopft. Daher, einfach zum nächsten Radhändler gehen und sich beraten lassen. Gut , wenn die Möglichkeit besteht, davor im Freundeskreis nach Empfehlungen zu fragen, oder auch verschiedene Bikemodelle mal zu testen. Es gibt auch diverse Testveranstaltungen von Magazinen, wo man sich einen Überblick verschaffen kann und auch diverse Bikes zur Probefahrt zur Verfügung stehen. Und nebenbei trifft man jede Menge Gleichgesinnte. Vor allem im alpinen Gelände, oder in Gegenden wo die Orientierung schwer fällt, macht es je nach eigener Erfahrung durchaus Sinn, sich einen Guide zu buchen. Oft können diese schnell das persönliche Können einschätzen und so die richtige Tourenauswahl treffen. Auch kann man hier hilfreiche Tipps für die eigene Fahrtechnik mit auf den Weg bekommen.

EEL: Die Abenteuer, die Du erlebst, sind extrem. Welche Erlebnisse sind Dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Gerhard Czerner:

Ich würde sie nicht als extrem bezeichnen. Das ist ein Prozess aus Erfahrung und Können, der mich immer weiter führt. Klar, ohne diesen zu kennen, oder durchlaufen zu haben, wirkt Manches vielleicht extrem. Intensive Erfahrungen gibt es auf fast jeder Reise. In Chile auf 3500 Metern, nachts in heißen Quellen zu liegen und Milliarden Sterne am Firmament. In Tibet Pilgern zu begegnen, die immer fröhlich, nur mit dem was sie am Leib tragen, ihre zehn Tage lange Pilgerreise unternehmen. Im Oman einer Sturzflut gerade noch rechtzeitig zu entkommen, bevor ganze Landstriche unter Wasser stehen. Oder einfach nur mit Freunden ohne Ablenkung von Smartphone und Co., am Lagerfeuer sitzen und gemeinsam im Hier und Jetzt zu sein. Die Liste könnte noch ewig gehen.

EEL: Gehst Du dabei Risiken ein?

Gerhard Czerner:

Ein Leben ohne Risiko gibt es nicht. Jährlich sterben Tausende im Straßenverkehr und trotzdem fahren wir Auto. Auch ich. Ja, auch auf meinen Reisen gehe ich Risiken ein. Bin aber selten leichtsinnig. Beim Biken gebe ich meiste weniger als 100% wenn ich mich in sehr entlegenen Regionen befinde, wo Rettung oder medizinische Versorgung oft Tage entfernt ist. Da fahre ich zuhause in den Alpen, oder im Bikepark eher an, oder auch mal über der Grenze.

EEL: Wie sieht der Alltag bei Gerhard, dem Mountainbiker, Guide, Traveller und Trainer aus?

Gerhard Czerner:

Das Schöne an meinem Alltag ist, es gibt ihn nicht. Das Einzige, was alle Tage gemeinsam haben: Morgens stehe ich auf und abends gehe ich ins Bett. Dazwischen kann viel passieren. Je nachdem, ob ich einen Kurs leite und unterrichte, ob ich als Guide mit Kunden unterwegs bin, zuhause meine Bikes einer Wartung unterziehe, Yoga mache oder einfach am Balkon die Sonne genieße. Leider darf auch ich viel Zeit am Computer verbringen: Vorbereitungen für die Touren, Nachbereitungen, Texte schreiben, Social Media Kanäle betreuen, all das gehört auch zum Beruf eines Sportlers dazu.

EEL: Kannst Du vom Sport leben?

Gerhard Czerner:

Im weitesten Sinn lebe ich vom Moutainbiken und allem was dazu gehört. Neben dem Guiden schreibe ich Artikel über meine Reisen, mache Ausbildungen für MTB Guides, produziere Videos, und arbeite zum Teil eng mit meinen Sponsoren zusammen.

EEL: Was bewegt Dich persönlich auf Deinen Touren?

Gerhard Czerner:

Ich schätze sehr die Reduktion aufs Wesentliche. Wenn es nichts anderes zu tun gibt, als sich um die nötigsten Dinge zu kümmern: den Weg von A nach B zu bewältigen, Essen beschaffen, Essen, Schlafen, Radfahren und gesund bleiben. Zuhause lassen wir uns oft ablenken. Machen am liebsten zig Sachen auf einmal. Da geht der Moment völlig verloren. In entlegenen Regionen gibt es das nicht. Da muss man sich drum kümmern, dass man überlebt und vorwärts kommt. Das beruhigt die Gedanken und diese innere Ruhe macht mich glücklich. Daneben sind es die Begegnungen am Wegesrand und die Vielfältigkeit unseres Planeten, welche ich sehen darf. Es gibt unendlich viel zu entdecken.

EEL: Wie motivierst Du Dich?

Gerhard Czerner:

Kurz gesagt ist es wohl Neugierde. Ich schätze es sehr Neues zu erfahren und mit einem anderen Blick wieder heim zu kehren. Oft nehme ich die Dinge zuhause nach einer intensiver Reise völlig anders war. Auch entdecke ich an und in mir Neues, wenn ich mich außerhalb meiner Komfortzone bewege. Ich möchte mehr von der Welt kennen lernen, in welcher ich geboren bin. Das und noch viel mehr weckt meine Neugier und die motiviert mich immer wieder aufzubrechen.

EEL: Welche Pläne, Ziele und Träume hast Du?

Gerhard Czerner:

Ein Traum ist es, auch im hohen Alter noch gesund zu sein. Bis dahin möchte ich noch viel von der Welt und mir entdecken. Mein Fahrrad wird mich hoffentlich die nächsten Jahre dabei noch begleiten. Wenn mir das zu anstrengend wird, lege ich es zur Seite. Bis dahin gehen mir die Ideen und Ziele sicher nicht aus.

EEL: Was wünscht Du Dir, was Menschen mitnehmen, die Deine Berichte lesen oder einen Vortrag von Dir hören?

Gerhard Czerner:

Noch gibt es nur sehr vereinzelt Vorträge über meine Reisen von mir. Vielleicht ändert sich das in Zukunft aber mal. Was die Menschen mitnehmen sollten? Gute Frage. Eines ist vielleicht die Schönheit der Regionen, um zu verstehen, dass es sich lohnt, unseren Planeten zu schützen und zu bewahren.

EEL: Lieber Gerhard, vielen Dank für das Interwiev!

Weitere Infos zu Gerhard findet Ihr hier

Bildquelle: Martin Bissig, Gerhard Czerner

1 Kommentare

  1. Frieda Polzin sagt

    Ein toller, inspirierender Artikel. Es gibt noch so viel zu entdecken auf dieser Welt. Jetzt müssen wir alle mit anpacken damit uns unser Lebensraum nicht kaputt geht.

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